Setzt euch auseinander!

… und wieder zusammen.

Ein Plädoyer für die Auseinandersetzung auf stabilem Fundament.

Haben Sie sich in letzter Zeit mal wirklich heftig gestritten? Ich schon. Wenn auch etwas eingeschränkt, da mein Gegenüber mir durch heftiges Gebrüll und Gestikulieren keine Gelegenheit gab zu antworten. Ich hatte eine Frage gestellt. Die falsche Frage. Woraufhin ich unter Schuldzuweisungen begraben wurde. Ich war schuld an allem, natürlich.

Sie werden schmunzeln. An dieser Stelle schmunzelte ich auch. Zum Zeitpunkt der Frage war ich noch nervös. Als das Gebrüll losging, verflog die Angst wie ein Vögelchen. Warum? Weil es keine Situation der Welt gibt, an der nur einer die Schuld trägt. Sie wussten das. Ich auch. Ich ging mit dem Bewusstsein, dass diese Situation nicht allzu viel mit mir zu tun hatte. Ich ließ die Projektion an Ort und Stelle. Es war gut, so wie es gelaufen war.

Ich liebe Auseinandersetzungen – ohne Gebrüll – versteht sich. Meine Einstellung dazu: Ich mache Fehler. Jeder macht Fehler insbesondere, wenn wir uns in einer herausfordernden oder neuen Situation wiederfinden. Fast jeder reagiert emotional, dem Himmel sei Dank. Aber irgendwann nach all den emotionalen Höhen und Tiefen kommen Phasen, in denen das Hirn wieder reibungsloser funktioniert d. h. in denen die kognitiven Prozesse nicht mehr überlagert werden und sich ein Bewusstsein zur jeweiligen Situation einstellt. Welche Prioritäten verfolge ich? Was will ich? Was ist wichtig. Die Schuld oder die Lösung? Sie werden sagen „Beides“ … ich meine, selbstverständlich ist die Suche nach dem Schuldigen in bestimmten Situationen essentiell, aber in wirklich vielen Fällen des eigenen Lebens verhindert sie die Lösungsfindung. Was ist die Situation? Wie kommen wir hier raus und was können wir tun, damit das nicht mehr passiert? Klingt einfach? Mein Eindruck ist, für viele nicht.

Meine persönliche Theorie dazu: Auseinandersetzungen-führen ist ein Lernprozess. Wesentliche Bestandteile dieses Prozesses sind Erfahrung und Reflexion. Die Schule liefert uns dazu keinerlei Input. Die Erziehung ist auf die Vermeidung von negativen Erfahrungen programmiert oder aber mit Strategien gepflastert, die destruktiv wirken. Die Konsumgesellschaft lehrt uns das Wegwerfen, Neu-Anschaffen und die Familie duldet sowohl Gewinner als auch Verlierer zur Systemstabilisierung.

Das Führen von Auseinandersetzungen ist leider der Verdrängung zum Opfer gefallen. Outgesourct, im Konsumrausch ausgetauscht und durch ein anderes Ventil abgelassen geben wir den „einfacheren“ Möglichkeiten den Vorrang. Hinzu kommt, dass die Auseinandersetzung, weil soziale, nicht fachliche Kompetenz, nur wenig Beachtung findet. Sie verbraucht zu viel Energie und Zeit.

Auseinandersetzungen sind Meilensteine auf dem Weg zueinander und zu sich. Jede Beziehung gelangt irgendwann an einen Punkt, an dem sie schwierig, unangenehm und Kräfte zerrend wird, auch die zu sich selbst. Die unliebsamen Ecken kommen zum Vorschein, die Leichen aus dem Keller. Zusammen sind sie Spiegel und gleichzeitig Schlüssel zu unserer eigenen Persönlichkeit.

An dieser Stelle wird es gefährlich und unkontrollierbar für Menschen, die keine Übung in der Auseinandersetzung haben.

Auseinandersetzung gelingt nur auf Augenhöhe. Sie ist eine Form der Wertschätzung. Setze ich mich mit jemanden (mit mir) an einen Tisch und versuche zu verstehen, warum mein Gegenüber diese Wirkung auf mich hat, so öffne ich die Tür für Dich und mich. Ich lasse meine Meinung, meine Interpretation der Situation los und beginne die Perspektive des anderen wahrzunehmen. Eine erste Übung hin zu mehr Empathie.

Zuhören, Fragen stellen und gemeinsames Zusammenfassen kreieren ein gegenseitiges Verständnis. Aha-Erlebnisse tauchen auf und korrigieren die eigene Lebenswirklichkeit. Das sich mit dem anderen Beschäftigen, das Auseinandersetzen der persönlich gesponnenen Situation und das Zusammensetzen beider Wirklichkeiten schafft Raum für neue Interpretationen, die von Verständnis und Einklang geprägt sind. Die Bedürfnisse werden erkannt und respektiert. Zwei getrennte Wege werden durch eine gemeinsam konstruierte Brücke verbunden. Diese Brücke stellt den Beginn vieler weiterer Übergänge dar, jedoch nur, wenn die Beteiligten ein stabiles und mit sich selbst in Einklang stehendes Fundament darstellen.

… tja und manchmal fehlt diese Voraussetzung.

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